Die Liebe fragt die Freundschaft: Sag mal, wozu bist du eigentlich da? Die Freundschaft antwortet: Ich bin dazu da, die Tränen zu trocknen, die du verursachst.

 

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Feuer und Eis

Manche sagen, die Welt endet im Feuer.
Die anderen: im Eis.

Nach dem Genusse immer neuer
Begierde glaub ich eher an das Feuer.

Doch müsst ich zweimal auf die letzte Reis',
Weiß ich wohl genug vom Hass,

Zu sagen, dass gewiss auch Eis
Vernichtet krass

Und schließt den Kreis.

Robert Frost

 

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 Geister der Toten

Dein Seel` wird einstens einsam sein
in grauer Grabsgedanken Schrein -
kein Blick. der aus der Menge weit
noch stört` deine Abgeschiedenheit.

Sei still in jener Öde Weben,
das nicht Alleinsein ist - es sind
die Geister derer, die im Leben
vor dir gestanden, ganz gelind
nun wieder um dich - und ihr Wille
umschattet dich: darum sei stille.

Die Nacht wird finster drücken -
kein Stern herniederblicken
vom hohen Thron im Himmelssaal,
nein, die glanzlos droben ziehn,
werden deinem müden Sinn
wie ein Fieber und ein Brennen
nun und nimmer Ruhe gönnen.

Wähnen, das nicht zu verwinden,
Visionen, die nicht schwinden:
weichen werden sie von dir
nie mehr - wie der Tau vom Grase hier.

Die Luft - der Odem Gottes - schweigt -
auf dem Berg der Nebel steigt,
schattenhaft - flüchtig - doch ohne zu weichen:
dir ein Sinnbild und ein Zeichen -
wie er in den Bäumen schwingt,
Geheimnis in Geheimnis dringt!

 Edgar Allan Poe

 

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 Das Geisterschloss

In der Täler grünstem Tale
Hat, von Engeln einst bewohnt,
Gleich des Himmels Kathedrale
Golddurchstrahlt ein Schloß gethront.
Rings auf Erden diesem Schlosse
Keines glich;
Herrschte dort mit reichem Trosse
Der Gedanke – königlich.

Gelber Fahnen Faltenschlagen
Floß wie Sonnengold im Wind –
Ach, es war in alten Tagen,
Die nun längst vergangen sind! –
Damals kosten süße Lüfte
Lind den Ort,
Zogen als beschwingte Düfte
Von des Schlosses Wällen fort.

Wandrer in dem Tale schauten
Durch der Fenster lichten Glanz
Genien, die zum Sang der Lauten
Schritten in gemeßnem Tanz
Um den Thron, auf dem erhaben,
Marmorschön,
Würdig solcher Weihegaben,
War des Reiches Herr zu sehn.

Perlen- und rubinenglutend
War des stolzen Schlosses Tor,
Ihm entschwebten flutend, flutend
Süße Echos, die im Chor,
Weithinklingend, froh besegen
– Süße Pflicht! –
Ihres Königs hehres Prangen
In der Weisheit Himmelslicht.

Doch Dämonen, schwarze Sorgen,
Stürzten roh des Königs Thron. –
Trauert, Freunde, denn kein Morgen
Wird ein Schloß wie dies umlohn!
Was da blühte, was da glühte
– Herrlichkeit! –
Eine welke Märchenblüte
Ist's aus längst begrabner Zeit.

Und durch glutenrote Fenster
Werden heute Wandrer sehn
Ungeheure Wahngespenster
Grauenhaft im Tanz sich drehn;
Aus dem Tor in wildem Wellen,
Wie ein Meer,
Lachend ekle Geister quellen –
Weh! sie lächeln niemals mehr!

Edgar Allan Poe

 

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Abschied

Dein Mund ließ hier den heißen Kuß zurück,
Und bleiben soll er dort,
Bis ich ihn einst zu schönrem Glück
Heimtrag' an seinen Ort.

Dein Scheideblick, so liebevoll,
Mag neue Liebe schaun;
Doch deine feuchten Wimpern soll
Nie Gram um mich betaun.

Kein Pfand begehr' ich, das der Schmerz
Mit Tränen einsam tränkt;
Kein Angedenken braucht ein Herz,
Das immer dein gedenkt.

Auch schreiben will ich nicht, - ein Blatt
Faßt all die Liebe nicht;
Ach, Worte sind nur leer und matt,
So lang das Herz nicht spricht.

Bei Tag und Nacht, in Wohl und Weh,
Trag' in dem Herzen ich
Die Liebe, die ich nie gesteh',
Und blute still um dich.

Lord Byron

 

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Die Mitternachtsmaus

Wenn's mitternächtigt und nicht Mond
noch Stern das Himmelshaus bewohnt,
läuft zwölfmal durch das Himmelshaus
die Mitternachtsmaus.

Sie pfeift auf ihrem kleinen Maul, --
lm Traume brüllt der Höllengaul . . .
Doch ruhig läuft ihr Pensum aus
die Mitternachtsmaus.

Ihr Herr, der große weiße Geist,
ist nämlich solche Nacht verreist.
Wohl ihm! Es hütet ihm sein Haus
die Mitternachtsmaus.


Christian Morgenstern

 

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Testament einer Ratte

Bevor Menschen sterben, machen sie ein Testament, um ihr Heim und alles, was sie haben denen zu hinterlassen, die sie lieben. Ich würde auch ein Testament machen, wenn ich schreiben könnte.
Einem armen, sehnsuchtsvollen, einsamen Notfellchen würde ich mein glückliches Zuhause hinterlassen, meinen Napf, mein kuschliges Bettchen, mein Spielzeug und die so geliebte Schulter, die sanft streichelnde Hand, die liebevolle Stimme, den Platz, den ich in jemandes Herzen hatte, die Liebe, die mir zu guter Letzt zu einem friedlichen und schmerzfreien Ende verhelfen wird, gehalten in der liebenden Hand.
Wenn ich einmal sterbe, dann sag bitte nicht: "Nie wieder werde ich ein Tier haben, der Verlust tut viel zu weh!" Such dir eine einsame, ungeliebte Ratte aus und gib ihr meinen Platz. Das ist mein Erbe. Die Liebe, die ich zurück lasse, ist alles, was ich geben kann

Verfasser unbekannt

 

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Gebet einer Ratte

O Herr, sie sagen, ich sei ein Ekeltier
Aber Du hast auch mich geschaffen.
Wer gibt ihnen das Recht,
Mich millionenfach zu quälen, aufzuspießen,
Mit Gift vollzupumpen,
Bis ich wahnsinnig vor Schmerzen
Die eigenen Brüder zerfleische?

Immer haben sie uns verfolgt,
In ihren Fallen gefangen,
Mit ihrem Gift grausam getötet.
Nun aber sitzen wir fest in ihren Käfigen.
Können nicht mehr wegrennen.
Sie üben an uns ihre Operartionstechniken.
Tausendfach.
Millionenfach.
Ohne Erbarmen.

Wir sind die Geringsten unter Deinen Geschöpfen.
Wir zählen kaum im Chor der gemarterten Tiere.
Aber auch wir fühlen
Den Schmerz und die Verlassenheit.
Erlöse uns Herr aus diesem Leid.

Amen

Verfasser unbekannt

 

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